Die Geschichte der Porzellanfabrik
Lorenz Hutschenreuther / Selb



Lorenz Hutschenreuther
Lorenz Hutschenreuther
geb. 8. Mai 1817, gest. 8. Oktober 1886

Lorenz Hutschenreuther schied 1857 aus dem väterlichen Betrieb Porzellanfabrik
C. M. Hutschenreuther AG, Hohenberg aus und gründete seine eigene Firma.


Lorenz Hutschenreuther wurde am 8. Mai 1817 in Hohenberg an der Eger geboren, als erster Sohn des Carl Magnus Hutschenreuther und seiner Ehefrau Johanna Maria Barbara, geborene Reuß.
Im elterlichen Betrieb erfuhr er eine umfassende Ausbildung und Lehre.
1843 heiratete Lorenz Hutschenreuther Berta Heßner, Kaufmannstochter aus Altenburg/Thüringen.
Am 10. November 1845 starb sein Vater Carl Magnus Hutschenreuther.
Lorenz Hutschenreuther hatte schon zu Lebzeiten des Vaters das Bestreben gezeigt, sich wirtschaftlich möglichst unabhängig zu machen. So reichte er 1843 ein Gesuch ein, in dem er um die Genehmigung von Handelsassoziationen sowohl mit seinem Vater, als auch mit seiner Schwiegermutter, der Schnittwarenhändlerin Wilhelmine Heßner bittet.
Beim Tode des Vaters wurde aber nicht Lorenz Hutschenreuther, der die Unternehmungslust und den Schaffensdrang des Vaters geerbt hatte, Leiter des Unternehmens, sondern das Testament übertrug diese Funktion der überlebenden Gattin Johanna Hutschenreuther, geborene Reuß.
Der Verstorbene soll von ihr in seinem Testament in großer Verehrung und voll Anerkennung über ihre Tatkraft, Klugheit und Umsicht gesprochen haben.
Bereits im Jahre 1855 plante Lorenz Hutschenreuther, sich selbständig zu machen. Er konnte in der Fabrik in Hohenberg seine Ideen nicht verwirklichen, er knüpfte erste Verbindungen zum Magistrat der Stadt Selb.
So war der große Selber Brand im Jahre 1856, der fast die ganze Stadt einäscherte und ein ungeheures Unglück für die Bevölkerung war, indirekt Wegbereiter für Lorenz Hutschenreuther.
Der Tag des großen Unglücks war aber zugleich die Geburtsstunde der Porzellanstadt Selb.
Die Selber hatten bisher nämlich in der Mehrzahl von der Hausweberei gelebt. Mit ihren Behausungen waren zugleich fast alle Webstühle verbrannt, und es gab kaum andere Erwerbsmöglichkeiten.
Selb

Am 18. März 1856 vernichtete eine gewaltige Feuersbrunst die Stadt Selb fast vollständig
Lorenz Hutschenreuther hatte kurz vor dem Brand durch den Stadt-Magistrat die Zuzugserlaubnis nach Selb erhalten. Um die drückende Not der Bevölkerung lindern zu können, begann er unverzüglich mit den weiteren Vorbereitungen zur Verwirklichung seiner Pläne.
Am 11. Februar 1857 reichte Lorenz Hutschenreuther bei der Stadt Selb ein Gesuch ein, in dem er die Konzession zur Errichtung einer "Porcellainfabrik" beantragte.
In diesem Jahr verließ er das Unternehmen in Hohenberg.
Am 10. August 1857 erhielt Lorenz Hutschenreuther im Namen seiner Majestät, des Königs, von der Königlichen Regierung von Oberfranken in Bayreuth, die Konzession zur Errichtung einer Porzellanfabrik in Selb.
Im Dezember kauft er mit seinem Erbteil die Ludwigsmühle, den zukünftigen Standort der Porzellanfabrik.
Ludwigsmühle

Die Ludwigsmühle vom Müller selbst gezeichnet.
Auf diesem Gelände entstand die Fabrik.
In den folgenden Jahren konnten erste Fabrikgebäude errichtet werden. Bewerbungen von Malern und Drehern trafen ein.
Lorenz Hutschenreuther bemühte sich um Modelle von Schreibzeugen und Kaffeeservicen bei W. Götze aus Karlsbad.
Im März 1859 wurde die neue Fabrik in Betrieb genommen - mit einem Brennofen und ca. 50 Arbeitern.
Der erste Brand brachte brauchbares Porzellan. Lorenz Hutschenreuther war jedoch noch nicht zufrieden, entwickelt neue Masserezepte und konnte Mitte des Jahres bessere Musterstücke an seine Kunden verschicken.
Bereits damals war in der Fabrik eine Dampfmaschine und Wasserkraft vorhanden, wodurch eine fabrikmäßige Herstellung der Erzeugnisse von Anfang an gewährleistet war.
Fabrik Lorenz Hutschenreuther

Die Fabrik, auf dem Gelände der Ludwigsmühle errichtet,
wenige Jahre nach ihrer Gründung
1860 besuchte Lorenz Hutschenreuther erstmals die Leipziger Messe und zeigte dort seine Kollektion.
Es war ein voller Erfolg.
Die Bestellungen konnten kaum bewältigt werden - das Werk besaß ja nur einen Brennofen.
Folge dessen erbaute man im Jahre 1864 weitere Brennöfen und vergrößerte den Dekorbetrieb.
1870 wurden die produzierten Porzellane und immer feiner werdenden Tafelservice, die bisher in der Mehrheit ohne Marke waren, nunmehr fast alle mit einem Prägestempel gemarkt, mit dem Monogramm "L. HR." versehen.
1872 erhielt die Fabrik in Selb eine behördlich genehmigte Fabrikordnung.
Ein großer Hauptkatalog mit fast der gesamten Kollektion der Porzellanmanufaktur Lorenz Hutschenreuther erschien in Selb.

1877 zog sich Lorenz Hutschenreuther aus gesundheitlichen Gründen von der Geschäftsleitung zurück. Er übersiedelte nach Würzburg.
In der Firmenleitung waren jetzt die Söhne Viktor Hutschenreuther, geb. 1854 und Eugen Hutschenreuther, geb. 1860, mit Hans Pabst, den Lorenz Hutschenreuther bereits 1864 als Teilhaber aufnahm.
1880 begann die künstlerische Zusammenarbeit mit dem Münchner Leopold Gmelin, geb. 1847, und anderen Künstlern.
1882 erhielten Professor Gmelin und das Herstellerwerk Lorenz Hutschenreuther, anlässlich der Gewerbeausstellung in Nürnberg, die Goldmedaille für dekorierte Tafelservice.
Hutschenreuther - Ausstellungspavillion, 1882 Nürnberger Gewerbeausstellung

1882 Nürnberger Gewerbeausstellung
Hutschenreuther - Ausstellungspavillion
1885 ernannte die Stadt Selb Lorenz Hutschenreuther zum Ehrenbürger.
Lorenz Hutschenreuther starb am 8. Oktober 1886 in Würzburg; er liegt in Selb begraben.
1902 Umwandlung der Fabrik Lorenz Hutschenreuther in Selb in eine Aktiengesellschaft, diese war der Leitung des General-Direktors H. Kalbfus unterstellt, der seinen Posten bis zum Jahre 1911 bekleidete.
1906 die Porzellanfabrik Lorenz Hutschenreuther erwarb die Porzellanfabrik Jäger, Werner & Co. in Selb und führte sie als Abteilung B der Lorenz Hutschenreuther AG weiter.
1917 Erwerb der Porzellanfabrik Paul Müller in Selb.
Im selben Jahr erfolgte die Gründung der Lorenz Hutschenreuther Kunstabteilung. Die künstlerische Leitung hatte Professor Fritz Klee, der Leiter der Königlichen Fachschule in Selb. Er brachte gemeinsam mit Fachoberlehrer Veit einen großen Teil eigener Form- und Dekorentwürfe ein.
1922 wurden Bildhauer Karl Tutter und Carl Werner, letzterer als technischer Leiter, mit der künstlerische Leitung der Kunstabteilung betraut. Beiden gelang es schon nach kurzer Zeit, die Leistungsfähigkeit in Bezug auf Qualität und Quantität der erzeugten Artikel zu steigern.
Freischaffende Künstler waren für die Kunstabteilung tätig: Zunächst Krieger, Himmelstoß, Holzer, Heuler, Voß, und Fritz.
1924 Julius Vilhelm Guldbrandsen übernahm die künstlerische Leitung der Lorenz Hutschenreuther Kunstabteilung.
1926 feierte die Stadt Selb ihr 500-jähriges Stadtjubiläum. Eine große Ausstellung heimischer Porzellane wurde unter der künstlerischen Leitung von Professor Fritz Klee veranstaltet. Die Festschrift würdigte Lorenz Hutschenreuther als Begründer des Weltrufes der Porzellanstadt Selb.
1926 Porzellanausstellung Selb

1926 Porzellanausstellung Selb
Nische aus dem Raum der Porzellanfabriken Lorenz Hutschenreuther AG Selb
1927 erwarb die Lorenz Hutschenreuther AG die Porzellanfabrik Tirschenreuth und die Porzellanfabrik Gebrüder Bauscher in Weiden.
1934 Max Adolf Pfeifer, früherer Generaldirektor der staatlichen Porzellanmanufaktur in Meissen, war künstlerischer und technischer Berater bei der Lorenz Hutschenreuther AG in Selb. Er brachte bedeutende zeitgenössische Bildhauer, wie Paul Scheurich, Max Esser und Professor Börner zu Lorenz Hutschenreuther.
1937 erhielt Hutschenreuther die Goldmedaille bei der Weltausstellung in Paris.
1943 wurde die staatliche Porzellanmanufaktur Berlin in das Werk Paul Müller evakuiert.
1946 in fast allen Betrieben des Unternehmens nahm man die Produktion mit kleinen Programmen und großen Lieferungen für das amerikanische Hauptquartier in der US-Zone wieder auf.
Bodenmarke Hutschenreuther

1946-1948
1954 rüstete das Unternehmen von Rundöfen auf Tunnelöfen um.
1957 feierte Hutschenreuther das 100jährige Jubiläum in Selb.
An der Spitze des Unternehmens waren mit großen Erfolgen tätig: Dr. Rudolf Sies sen., Ernst Schwabach und Christian Modrack. Sie steuerten das Firmenschiff durch die Vorkriegs- und Nachkriegsjahre.
1958 verstärkte Mitarbeit freier Künstler für Formen und Dekore, betreut durch die Leiter der Ateliers, Hans Achtziger und Edmund Saalfrank.
Deckblatt eines Verkaufskataloges, L. Hutschenreuther 1958

Deckblatt eines Verkaufskatalogs, Januar 1958
1961 Ernennung von Hans Achtziger zum Leiter der Kunstabteilung - ab 1965 auch Leiter des zentralen Ateliers für Formengestaltung der Lorenz Hutschenreuther AG.
1963 nach dem plötzlichen Ausscheiden des Vorstandsvorsitzenden Christian Modrack übernahm Roland Dorschner die Führung des Unternehmens. Er war für den gesamten technischen Sektor verantwortlich, war ab 1969 Sprecher des Vorstandes und 1972 Vorstandsvorsitzender.
1967 feierte die Kunstabteilung ihr 50jähriges Bestehen.
Dem Bildhauer Granget gelang es, eine neue Dimension naturalistischer Tierplastik zu erschließen. Erich Höfer, der Leiter der Dekorabteilung in der Kunstabteilung, war für die hervorragenden Dekorentwürfe verantwortlich.
1969 Erwerb der Aktien-Mehrheit der Porzellanfabrik C. M. Hutschenreuther in Hohenberg und Eingliederung in die Lorenz Hutschenreuther AG.
Es erfolgte eine Umfirmierung in "Hutschenreuther AG."
1972 Fusion mit der Kahla AG. Sie brachte die Werke Arzberg, Schönwald, Wiesau und Schwandorf in die Hutschenreuther AG ein.
1975 Künstlerische Zusammenarbeit mit Pariser Modeschöpfern und renommierten Designern.
Ab 1979 Übernahme der Firma Groh und Co. Hof, der Nailaer Porzellanfabrik Albin Klöber KG (1981); der Theresienthaler Krystallglas-Manufaktur (1982), an der Hutschenreuther seit 1974 beteiligt war.
1982 125jähriges Firmenjubiläum von Lorenz Hutschenreuther. Mit einer Ausstellung zu diesem Anlass konnte auch die Eröffnung des Museums der deutschen Porzellanindustrie in Hohenberg gefeiert werden.
1997 wurde das Unternehmen Hutschenreuther aufgeteilt: Die Winterling Porzellan AG in Kirchenlamitz übernahm den Hutschenreuther Haushaltsbereich. Das gleichnamige Hotelgeschirr wird seitdem von der "BHS tabletop AG" in Selb weitergeführt.
BHS tabletop AG
Zum 1. August 2000 kam die Löwenmarke unter das Dach der Rosenthal AG. Zwei oberfränkische Marken mit Weltgeltung vereinten sich zum größten Anbieter für hochwertiges Porzellan auf dem deutschen Markt. Innerhalb der Rosenthal AG wird die Löwenmarke als starke traditionsreiche Marke auch international weiter ausgebaut.
Rosenthal-Mehrheitsaktionär ist Waterford Wedgwood.
Artikel erschienen am 2.08.2000:
Der Tagesspiegel

Rosenthal übernimmt Hutschenreuther
Erneuter Verkauf der traditionsreichen Porzellanmarke
"Der erneute Verkauf der traditionsreichen Porzellanmarke Hutschenreuther ist perfekt. Die Rosenthal AG in Selb übernimmt die Marke und den Standort Selb von der Winterling Porzellan AG in Kirchenlamitz, die nach Familienstreitigkeiten unter den Eigentümern insolvent geworden war. Die Vereinbarung sei jetzt unterzeichnet worden, teilte Rosenthal am Dienstag in Selb mit. Rosenthal-Mehrheitsaktionär Waterford Wedgwood erklärte in Dublin, damit entstehe der größte Hersteller von hochwertigem Porzellan in Deutschland mit über 400 Millionen Mark Umsatz im Jahr. Rosenthal hatte bereits zu Jahresbeginn Interesse an der Marke signalisiert, die erst vor wenigen Jahren an Winterling verkauft worden war.

Zugleich geht die Marke Arzberg an die SKV Porzellanunion GmbH in Schirnding über. SKV war 1993 aus drei mittelständischen Porzellanherstellern entstanden und produziert vor allem unter der Marke Kronester. Der Winterling-Bereich Eschenbach soll als Eschenbach Porzellan GmbH ebenfalls weitergeführt werden, bleibt aber unter der Ägide des Insolvenzverwalters Eberhard Braun. Das Winterling-Werk im oberfränkischen Röslau mit 500 Mitarbeitern soll nach früheren Planungen geschlossen werden. Die vor allem in Nordbayern konzentrierte deutsche Porzellanindustrie klagt seit Jahren über große Überkapazitäten.

Mit der Marke Hutschenreuther waren im vergangenen Jahr 100 Millionen Mark umgesetzt worden, Rosenthal wies 1999 weltweit 329 Millionen Mark Umsatz aus. Rosenthal hatte 1999 vor Steuern wieder schwarze Zahlen geschrieben, nach Steuern aber einen Verlust von vier Millionen Mark ausgewiesen. Die Hutschenreuther AG in Selb hatte vor Jahren ihre Produktion von Haushaltsporzellan sowie die eigene Marke an Winterling verkauft und konzentriert sich unter dem Namen BHS tabletop AG seither auf Hotel- und Gaststättenporzellan."

Literatur:
175 Jahre Hutschenreuther, Ein Beitrag zum Firmenjubiläum, 1989
Edles Porzellan, Figuren der Porzellanfabrik L. Hutschenreuther, G. Westermann Verlag, 1960
100 Jahre Porzellan, Hutschenreuther
Dr. Cl. Heiss, Die Feinkeramik, antiquarisches Buch, Verlag und Erscheinungsjahr nicht ersichtlich
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